Sitemap   Mediadaten
Hilfe   Impressum
Kontakt   Zeit-Verlag
HOCHSCHULE
  ZEIT.DE   HOCHSCHULE   KULTURKALENDER   DIENSTE


B E R U F

Ganz schön vermessen

Geoinformatiker schaffen ein Bild von der Welt

Von Nadine Oberhuber

Dass er mit seinen Karten einmal Hunderte von Menschenleben retten würde, hatte Peter Zeil nicht geahnt. Eigentlich war der Professor von der Universität Salzburg mit seinen Kollegen nach Mosambik gekommen, um eine Forschungsstation für Geoinformatik aufzubauen. Dann donnerte die Frühlingsflutwelle den Fluss hinunter. Sie drohte ganze Dörfer zu verschlucken. Da waren die Geoinformatiker zur Stelle: Sie scannten mit Positionsbestimmungsgeräten die Umgebung, sammelten Satellitendaten, speisten die Informationen in ihre Computer ein und erstellten aktuelle Karten vom Katastrophengebiet. Die Karten bekamen die Hubschrauberpiloten für ihre Rettungseinsätze in die Hand. So konnten sie Hunderte überschwemmte Dörfer anfliegen und die Menschen von Hüttendächern holen.

Nicht immer ist der Einsatz von Geoinformatikern so abenteuerlich und so segensreich. Aber wie bei der Hilfsaktion in Mosambik besteht ihre Arbeit darin, raumbezogene Daten mithilfe von Computern zu aussagekräftigen Bildern zu verarbeiten. Die Programme, die sie dabei verwenden, heißen Geoinformationssysteme (GIS). Die Nachfrage nach geografischen Informationen ist vielfältig: Ob im W@p-Handy die nächstgelegene Tankstelle angezeigt wird, Schiffe mit satellitengestützter Navigation fahren, ein Transportsystem zur Zuckerrübenernte gebraucht wird, ob Umweltschäden im Naturschutzgebiet oder die Einkommensverteilung in einer Großstadt abgelesen werden sollen - GIS steckt als Rechenwerkzeug dahinter. Und dient dem Umweltschutz, dem Marketing oder dem Militär.

Noch vor ein paar Jahren waren die Geografischen Informationssysteme reine Spezialanwendungen für Landschaftsplanung und Ökologie und nur von wenigen Spezialisten zu bedienen, "solchen Leuten in den hintersten Firmenräumen haftete immer der Ruf von Hackern an", erzählt der GIS-Lehrgangsleiter Gerhard Engel von der Uni Salzburg. Heute bringen Hersteller wie Microsoft GIS-Programme für jedermann auf den Markt. Die GIS-Spezialisten kommen immer häufiger aus ihren Computerräumen heraus - und die Hälfte der Geoinformatikstudenten in Auslandsprojekte hinein.

Der Markt wächst jährlich um 16 Prozent

Inzwischen bieten die Universitäten in Münster, Karlsruhe, Berlin und Stuttgart und einige Fachhochschulen ein Studium der Geoinformatik an. Mit einem besonderen Angebot wartet die Universität Salzburg auf. Auf zwei Wegen kann man dort berufsbegleitend per Fernstudium zum GIS-Spezialisten werden: Beim Programm Unigis professional beträgt die Ausbildungszeit nur ein Jahr. Die Teilnehmer arbeiten praxisorientiert mit der GIS-Software und erhalten den Abschluss des Akademischen Geoinformatikers. Theoretischer und doppelt so lang ist der Postgraduiertenstudiengang Unigis MAS. Zu Projektleitern und Führungskräften soll aufsteigen, wer den Master of Advanced Studies in Geographical Information Science geschafft hat.

Das hatte die Studentin Waltraud Rosner gereizt, die nach der Geografie-Promotion feststellte, "dass Geografen ohne Informatik-Wissen höchstens noch an Universitäten gebraucht werden". Also verpasste sie sich im vergangenen Jahr das Update am Institut für Geografie und angewandte Geoinformatik in Salzburg. Die "Salzburger" GIS-Studenten sind per Fernstudium über halb Europa verstreut. An 30 Universitäten weltweit wird das Studium der Geografischen Informationssysteme (Unigis) angeboten. Gründer des globalen GIS-Konsortiums mit heute 120 Dozenten waren 1993 die Universitäten Manchester, Amsterdam und Salzburg für den deutschsprachigen Raum. Von Österreich aus sind seitdem 378 Studenten betreut worden. Sie kommen aus fast allen Bereichen: der Biologie und der Physik, der Informatik und der Forstwissenschaft, der Vermessungstechnik und dem Landschaftsbau.

Noch ist die GIS-Branche überschaubar. Mit 7000 Arbeitsplätzen und einem Umsatz von einer halben Milliarde US-Dollar ist die deutsche Geoinformationsindustrie nicht groß, aber mit einem Weltmarktanteil von 10 Prozent auch nicht unbedeutend. Um 16 Prozent jährlich sollen sowohl der Deutschland- als auch der Weltmarkt wachsen, schätzt das GIS-Software- und Beratungsunternehmen Zebris. In der GIS-Nische hat sich das Salzburger Zentrum einen guten Ruf erworben. Systemhersteller, die mit der Universität zusammenarbeiten, wie Geosystems, Eurogis oder Autodesk, begrüßen die Weiterbildung als "wichtige Zusatzqualifikation". Gäbe es den Studiengang für GIS-Systeme nicht, müssten die Hersteller - meist neu gegründete, kleinere Software-Häuser - selber ausbilden. So stellen sie lediglich ihre Software zur Verfügung und raten ihren Mitarbeitern zur Kursteilnahme.

Gewöhnlich halten alle Studenten trotz Doppelbelastung bis Lehrgangsende durch, deswegen verzeichnet Unigis keine Studienabbrecher. Nachher steigen viele zu Projektleitern in ihren Unternehmen auf, oder sie werden während der Kurse von Partnerfirmen der Uni abgeworben. Andere wollen die Welt nicht nur am Computer erfassen, sondern auch mit eigenen Augen. So ging die 32-jährige Waltraud im letzten Jahr zu Stadtentwicklungsprojekten nach Peru, Brasilien und Nordamerika. Auch Peter Zeil war mit GIS in den letzten 20 Jahren überall, "nur so gut wie nie in Deutschland".


(c) DIE ZEIT   36/2000   





ZEIT.DE  | HOCHSCHULE  | KULTURKALENDERDIENSTE  | HILFE  |
POLITIKWIRTSCHAFT  | KULTUR  | WISSEN  | MEDIA  | REISEN  | LEBEN  |
E-VOTE  | STELLENMARKT  | ZEIT-ABO-SHOP  | ZEIT-VERLAG  |
IMPRESSUM  | MEDIADATEN  | KONTAKT  |